Monika Hohlmeier will eine viel flexiblere Grundschule
Gegen starre Regeln
'Jedes Kind braucht seine eigene Zeit und ein eigenes Lerntempo'
VON HANS-PETER KASTENHUBER

ROSSTAL – Der Satz könnte einer BLLV-Broschüre zum Volksbegehren „Die bessere Schulreform“ entnommen sein: „Jedes Kind braucht seine eigene Zeit, jedes Kind hat seine eigene Gangart, sein eigenes Lerntempo, sein individuelles Leistungsvermögen.“ Was klingt wie ein Plädoyer für die Aufbaustufe und die „zweite Chance“ zum Gymnasialübertritt nach der sechsten Klasse, stammt in Wirklichkeit von Kultusministerin Monika Hohlmeier, die von einer Aufbaustufe gar nichts und von der frühen Entscheidung für Realschule oder Gymnasium nach der vierten Klasse sehr viel hält.

Mit der These von den so unterschiedlichen Lerngeschichten der Kinder warb sie beim „Zentralen Grundschultag 2000“ in Roßtal für ihre „Visionen“ eines modernen Angebots für die ersten und grundlegenden Jahre der schulischen Bildung. Lehrer und Eltern aus dem Grundschulbereich hörten es in der überfüllten Schulturnhalle mit Staunen.

Monika Hohlmeier sieht in ihren Positionen keinerlei Widersprüche. Der Tatsache, dass bei Kindern zeitlich extrem unterschiedliche Lernentwicklungen zu beobachten sind, dürfe, so meint sie, nämlich nicht erst mit Spätentwickler-Angeboten“ in der fünften und sechsten Klasse Rechnung getragen werden, sondern schon viel früher. Ihr Vorschlag: Jahrgangskombinierter Unterricht in der ersten und zweiten Klasse Grundschule. Begabten Kindern soll dabei die Möglichkeit geboten werden, den Stoff von zwei Jahrgangsstufen in nur einem Jahr zu bewältigen. Und Spätentwicklern möchte Hohlmeier für die gleichen Lerninhalte notfalls auch drei Jahre Zeit lassen. Ergebnis wäre eine „Individualisierung der Grundschulzeit“. Statt grundsätzlich vier Jahre wäre dann eine Spanne zwischen drei und fünf Jahren möglich.

Demonstrativer Beifall

Überhaupt wünscht sich die Kultusministerin viel mehr Flexibilität – auch bei den Lehrmethoden. „Weg von der Erwartung, dass wir eine fertige Rezeptur nach draußen liefern“, möchte sie, „weg von den sehr starren Vorgaben“. Demonstrativen Beifall von Lehrern und Eltern gab es da. Sie sehen positive Entwicklungen bisher oft durch ein Zuviel an Vorgaben behindert. Die Kultusministerin hingegen – auf den Blickwinkel kommt es eben an – appellierte eindringlich an die Eltern, sie müssten „Neues an den Schulen wirlich zulassen und akzeptieren“. Und dabei auch hinnehmen, „dass mal was schief geht“.

Größeres Augenmerk möchte die Ministerin in Zukunft auch auf die Effizienz schon in der Grundschule legen. Was bleibt bei den Kindern wirklich hängen? Diese Frage soll demnächst in Mathe- und Deutsch-Jahrgangsstufentests beantwortet werden. Bisher gab es diese erst zwei Mal an den weiterführenden Schulen im Fach Mathematik. Nicht als Überprüfung der Schüler, sondern als Ergebniskontrolle der Lehrerarbeit möchte Monika Hohlmeier dieses Instrument verstanden wissen.

Und noch zwei Punkte gehören zu ihren Visionen von einer modernen Grundschule: Fremdsprachenunterricht („Er soll kein Vortraining, sondern Kennenlern-Sprachunterricht sein“) und der verstärkte Einsatz von Computern samt Internet-Nutzung.

Gegen all diese Hohlmeier-Forderungen für eine „Grundschule 2000“ hätten die 30 bis 40 Teilnehmer einer fröhlichen Freiluftkundgebung, die die Ministerin morgens um zehn Uhr in Roßtal mit Samba-Klängen begrüßten, vermutlich wenig einzuwenden gehabt. Sie waren einem Aufruf von GEW und SPD gefolgt und warben für das anstehende Volksbegehren. Prominenteste Demonstrantin: SPD-Landeschefin Renate Schmidt. Sie gibt auf die schönsten Grundschul-Visionen der Ministerin nichts, wenn an dieser Schulart „durch eine Vorverlegung des Realschulstarts der Auslesedruck enorm erhöht wird“. Gegen Leistung habe sie gar nichts, versichert Renate Schmidt, „die ist was Positives“. Aber man müsse endlich einsehen, dass sie nicht durch teure Änderungen der Schulorganisation zu verbessern sei, sondern durch „kleinere Klassen, mehr Lehrer und bessere Ausstattung“.

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