2005-12-10
GEW-Bildungsexpertin: Schulsystem verstößt gegen Rechte des Kindes
Generationswechsel an der Spitze der GEW Unterfranken

Der Bezirksverband Unterfranken der Bildungsgewerkschaft GEW hat ein neues Gesicht: Monika Hartl, 34-jährige Sonderschullehrerin aus Aschaffenburg, löste Albrecht Sylla ab. Nach 18 Jahren als GEW-Bezirksvorsitzender und 35 Jahren in Führungsgremien war dieser nicht mehr angetreten. Hartl dankte ihrem Vorgänger und kündigte an als Bezirkschefin der Bildungsgewerkschaft alle Bildungsberufe zu integrieren: "Bildung findet in Kindergärten, Schulen, Universität und Weiterbildung statt. Wir lassen uns nicht auseinanderdividieren." Ein ernstes Anliegen wird ihr die schwere Lage von Lehrkräften in der Ausbildung und die Gewinnung neuer Mitglieder sein: "Dass in der GEW Unterfranken seit zehn Jahren die GEW-Mitgliederzahlen stabil geblieben sind, ist dem bundesweiten Schwund gegenläufig. Unser Auftrag ist die gewerkschaftliche Interessenvertretung aller Bildungsbeschäftigten." Dazu werde sie als Mitglied im bayerischen Landesvorstand ihre guten Kontakte zur GEW Bayern und zur Bundes-GEW nutzen. Als 2. Vorsitzende wurde Isabella Zang, Aschaffenburg, Angelika Geuß, Schweinfurt, sowie Rudolf Brandenstein, Ochsenfurt, gewählt. Im Vorstand neu gewählt wurden Geschäftsführer Uwe Steinwachs, Aschaffenburg, Schatzmeisterin Birgit Gräf, Rechtschutzbeauftragter Albrecht Sylla, Aschaffenburg, sowie die Fachgruppenleiterinnen und -leiter.

Die stellvertretende Bundesvorsitzende der GEW, Marianne Demmer, stellte in ihrem Gastvortrag "Bildung ist Menschenrecht" dar, dass besonders in Bayern die Bildungsungerechtigkeit am größten ist: "Ein Akademikerkind hat bei gleichen Fähigkeiten wie ein Facharbeiterkind eine sechseinhalbfach größere Chance auf das Gymnasium zu gehen." Außerdem wiesen gleich intelligente und fähige Kinder mit gleicher sozialer Herkunft als 15-Jährige einen Lernrückstand von ca. eineinhalb Jahren in der Lese- und Rechenkompetenz auf, wenn sie statt eines Gymnasiums eine Hauptschule besuchen müssen: "Unser Schulsystem benachteiligt die sowieso schon Benachteiligten in doppelter Hinsicht. Denn Kinder aus Migrationsfamilien und aus armen Familien müssen ganz überproportional oft Hauptschulen besuchen." Demmer sieht hierin einen klaren Verstoß gegen die UN-Kinderrechtskonvention. "Was geht in Kinderherzen vor, wenn ein Kind mit acht Jahren hört, es komme ja eh nicht auf das Gymnasium.", klagt sie die frühe Teilung der Bildungswege und damit der Lebenschancen im deutschen Schulsystem an. "Der Satz ‚ Aus dir wird nie etwas' verletzt die Würde des Kindes," so Demmer. Die GEW-Schulexpertin will prüfen lassen, ob das eigenständige Recht eines Kindes auf Bildung und auf Mitsprache in seinen Angelegenheiten, wie es in der UN-Kinderrechtskonvention verbrieft ist, durch eine Informationskampagne in alle Landesverfassungen, so auch in die bayerische, aufgenommen werden kann. "Dann besteht ein Rechtsanspruch auf Chancengleichheit und auf volle Entfaltung der Persönlichkeit - unabhängig von Geldbeutel und Ausbildung der Eltern."

Die GEW fordert Bildung als Menschenrecht - gerade am Tag der Menschenrechte, dem 10. Dezember 2005. Besonders in Bayern ist die Abhängigkeit der Bildungsbeteiligung vom elterlichen Geldbeutel auffällig groß. "Bildung ist Menschenrecht" bringt zum Ausdruck, dass es höherstehende Interessen gibt als die der Ökonomie. Die Wirtschaft habe allenfalls sicher zu stellen, dass dieses Menschenrecht von allen genossen werden kann. Daher muss der Zugang zu Bildung und Bildungseinrichtungen frei von Gebühren und anderen individuellen Beiträgen sein.

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Die neu gewählte Vorsitzende des GEW-Bezirksverbandes Unterfranken, Monika Hartl, freut sich mit ihrem Vorgänger Albrecht Sylla und der stellvertretenden GEW-Bundesvorsitzenden Marianne Demmer über ein einstimmiges Ergebnis (v.l.n.r).

Mit freundlichen Grüßen
i.A. Jörg Nellen