Presseerklärung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Kreisverband Main-Spessart
(GEW) zum Artikel "Am Ende der Kapazität angelangt" über den Lehrkräftemangel
vom 13.1.2012

Die prekäre Situation an der Mittelschule in Karlstadt zeigt einmal mehr die Unfähigkeit des Kultusministeriums, die Schulen mit ausreichendem Lehrerpersonal zu versorgen und so für pädagogisch vertretbare Grundbedingungen zu sorgen.
Ein Staat, der voll ausgebildete junge Lehrkräfte nach bestandener 2. Staatsprüfung lieber in andere Bundesländer abwandern lässt - wo sie sehr gerne eingestellt werden - verschleudert seine Kapazitäten. Und im laufenden Schuljahr wundert man sich dann, dass die Zahl der Lehrkräfte in den Schulen - die Situation an den Hauptschulen ist nur die Spitze des Eisberges- hinten und vorne nicht reich. Es ist kein Wunder, dass viele Lehrer und Lehrerinnen krank werden:
Die Zahl der um die 60 Jahre alten LehrerInnen ist groß,
die Anforderungen an das Kollegium steigen jährlich, die Eltern sind anspruchsvoller geworden und die Schüler schwieriger.
Pensionierte Lehrkräfte, Lehrerinnen in Elternzeit oder Studenten für den Bruchteil eines normalen Lehrergehalts anheuern zu wollen, ist ein Schritt in die falsche Richtung, laienhafte Flickschusterei und bedeutet außerdem eine außerordentliche Belastung für diese Lehrkräfte.
So können die enormen Herausforderungen, mit denen gerade die Hautschulen konfrontiert sind, nicht bewältigt werden. Dass die Zahl der Hauptschullehrkräfte nicht mehr ausreichen wird, war absehbar.
Statt durch eine weitsichtige Planung eine ausreichende Lehrerversorgung und eine annehmbare Lernatmosphäre an den Hauptschulen herzustellen, wird mit der Mittelschule ein hochtrabendes Projekt propagiert, das die Hauptschulen nach außen hin aufwerten soll, in Wirklichkeit auf dem Rücken der Lehrkräfte ausgetragen wird und unter diesen Voraussetzungen keine entscheidenden Veränderungen bzw. Verbesserungen bringen kann.
Man muss sich fragen, wie die vom Kultusministerium immer wieder propagierte These von der Haupt-/Mittelschule als einer eigenen Schulform mit einem speziellen Profil, das gute berufliche Chancen bietet, in der Praxis umgesetzt werden soll. Das Wort Chancengerechtigkeit im Bildungsbereich verkommt auf diese Weise zur Farce.
Es muss unbedingt über eine Aufwertung des Hauptschullehrerberufes und dazu langfristig über einschneidende Veränderungen im Schulsystem nachgedacht werden.
Die gebetsmühlenhaft vertretene These, dass das gegliederte Schulsystem alle Schüler in ihren Anlagen fördert, kann unter solchen Umständen nicht aufrechterhalten bleiben.
Am Ende ihrer Kapazität sind wohl nicht nur viele Schulen wegen ihres Mangels an Lehrkräften oder wegen permanenter Unterrichtsvertretungen, sondern auch das Kultusministerium.

Gleichberechtigte Vorsitzende des KV GEW Main-Spessart
Wolfgang Tröster
Elfriede Jakob-Komianos